Einige geschichtliche Hinweise
Die Ursprünge der Stadt:
Die vielen archäologischen Funde, die man im Laufe
der Jahrhunderte im Stadtgebiet entdeckte, deuten auf
die etruskischen Ursprünge Viterbos hin. Zeugnisse
dafür sind die Fundorte in der Nähe des Rinaldone
und die Grabstätten auf dem Riello-Hügel.
Auf dem heutigen Domhügel (Colle del Duomo) existierte
einst eine kleine etruskische Siedlung namens Surrena
oder Sorrina, die nach 310 v. Chr. von den Römern
eingenommen, dann aber verlassen wurde zu Gunsten des
Munizipiums Surrena Nova auf dem davorliegendem Hügel
(Riello) und der zahlreichen patrizischen Villen, die
nahe den Thermen entlang der Via Cassia (man weiss von
mind. 15 solcher Thermalanlagen) entstanden waren.
Das frühe Mittelalter:
Der Name der zukünftigen Stadt, über dessen
Bedeutung man sich nicht sicher ist, taucht erstmalig
in den geschichtlichen Quellen des Frühmittelalters
auf. Im 8.Jh. zog das damalige castrum viterbii die Aufmerksamkeit
des langobardischen Königs Desiderio auf sich, als
er auf seinem Weg zur Eroberung des Herzogtums Rom hier
mit seinem starken Heer einfiel und die Stadt auf dem
Domhügel mit mächtigen Mauern und Türmen
als militärischen Stützpunkt befestigte, von
dem aus er gegen die Ewige Stadt loszog. Als Papst Hadrian
I ihn daraufhin mit dem Kirchenbann belegte und das Heer
des Frankenkönigs Karl des Großen zur Hilfe
rief, ließ Desiderio erschrocken von seinem Vorhaben
ab und zog sich wieder in Richtung Toskana zurück.
Das Festungswerk des Castrum Viterbii,
dem auch eine kleine dem Hl. Laurentius geweihte Pfarre
angehörte, ging im Jahr 774 an die Franken über
und wurde dann von Karl dem Großen der Kirche übergeben.
Durch diese und andere Schenkungen wurde der Kern für
den Kirchenstaat geschaffen.
Der Stadt Viterbo boten sich nun viele Vorteile, weil
sie, nunmehr eine stark befestigte, sichere Stadt, viele
Bewohner der ringsum liegenden Orte anzog, die sich hier
ansiedelten. Auch viele Langobarden entschlossen sich
zu bleiben. So erlangte Viterbo allmählich immer
größere politische und militärische Bedeutung
auf dem ganzen Gebiet und vergrößerte sich
beachtlich.
Wenig wissen wir über die Geschichte der Stadt im
9. und 10. Jh.. Es ist jedoch anzunehmen, dass es einen
wirtschaftlichen und bevölkerungsmäßigen
Aufschwung gab, durch den die Festung auf dem Domhügel
(Colle del Duomo) sich auf neue Quartiere außerhalb
seiner eigenen Mauern ausdehnte und sich mit den Siedlungen,
die sich inzwischen auf anderen ringsum liegenden Hügeln
entwickelt hatten, zusammenschloss. So entstand ein urbanistisches
Gewebe, das nach zwei weiteren Jahrhunderten von einer
Stadtmauer umgeben wurde.
In den nachfolgenden Jahrhunderten musste Viterbo den
Angriffen der Türken, die die Küstenstadt Civitavecchia
erobert hatten, und den Normannen widerstehen. Im Jahr
1148 erklärte sich Viterbo zur freien Stadt und verkündete
1251 eine eigene Verfassung, eine der ersten in Italien.
Die Stadt der Päpste:
In Viterbo, der noch heute sogenannten Stadt der Päpste,
wurden im 13. Jh. verschiedene Konklaven (Sitzungen der
Kardinäle zur Papstwahl) abgehalten, darunter die
längste je in der Geschichte verzeichnete, durch
die der Name “Konklave” entstand: Da die Kardinäle
sich 33 Monate lang nicht über einen Papst einigen
konnten, schlossen die Einwohner Viterbos den Sitzungssaal
im Papstpalast einfach ab (cum clave = mit dem Schlüssel),
um deren Entscheidung zu beschleunigen.
Während der Auseinandersetzungen zwischen dem Papst
und dem Kaiserreich spielten sich verschiedene Ereignisse
in Viterbo ab. Kaiser Friedrich II gewährte der Stadt
mehrere Privilegien, u.a. das Recht, eigene Münzen
zu prägen. Viterbo wurde die Hauptstadt des Patrimoniums
San Pietro, d.h. aller der Kirche abgetretenen Gebiete.
1192 wurde die Stadt Bischofssitz.
Bis ins 14. Jh. dauerten die Machtkämpfe über
die Vorherrschaft im Gebiet von Viterbo an, zuerst unter
den mächtigsten Familien der Stadt, dann gegen Rom
und schließlich gegen die Kaiser. In den folgenden
Jahrhunderten wurde Viterbo endgültig unter die Herrschaft
Roms gestellt.
Viele Besucher aus der ganzen Welt zog es nach Viterbo,
und das nicht nur, weil die Stadt eine wichtige Etappe auf
der Frankenstraße (Via
Francigena) ist, die von England über Frankreich
die Pilger nach Rom zum Grab des Hl. Petrus brachte. Die
Kunde von den Wundertaten eines heiligen Mädchen namens
Rosa, Schutzpatronin der Stadt, zog Kaiser, Staatshäupte
und viele andere Personen jeden Ranges zu ihrem Kloster.
Seit 1927 ist die Stadt Viterbo Provinzhauptstadt (die
ganze Provinz besteht aus 60 Gemeinden mit etwa 300.000
Einwohnern). Sie erstreckt sich über ihren historischen
Stadtkern hinaus auf ein mehrere moderne Stadtteile umfassendes
Gebiet. In der unmittelbaren ländlichen Umgebung
befinden sich viele Ausgrabungsstätten und die thermalen
Anlagen.
Sehenswertes in und umViterbo:
Viterbo ist noch heute ganz von seiner gewaltigen Stadtmauer
aus Peperinstein umgeben, deren Bau 1095 begonnen und
1268 beendet wurde. Sie ist über 10 m hoch und besitzt
mehrere gut erhaltene Türme und Stadttore. Der Stadtkern
hat sein mittelalterliches Aussehen erhalten, vor allem
im Quartier San Pellegrino mit seinen charakteristischen
Gebäuden und Türmen des 13. Jh. Der bedeutendste
Gebäudekomplex der Stadt ist zweifellos der Papstpalast
auf dem Domhügel, ein hervorragendes Beispiel gotischer
Architektur mit seinen Zweibogenfenstern, Zinnen und aufsteigenden
Bögen. Er wird von einer prachtvollen Loggia geschmückt,
die von einem großen gewölbten Bogen unterstützt
wird. Auf dem davorliegenden Platz steht die Kathedrale
mit ihrer Fassade im Stil der Renaissance und ihrem wunderschönen
Glockenturm aus dem 14. Jh.
Berühmt ist Viterbo auch für seine zahlreichen
Brunnen mit ihren spindelförmigen Säulen, die
überall Plätze und Straßen schmücken
und etwa aus derselben Epoche stammen.
Weitere bedeutende historische Gebäude der Stadt
sind die Rocca Albornoz, eine ehemalige Festung und heutiger
Sitz des Nationalmuseums, die Kirche Santa Maria della
Verità und das danebenliegende Stadtmuseum mit
seinen hochinteressanten historischen Zeugnissen, ferner
die Palazzi Farnese und Chigi, sowie das Rathaus und der
Palazzo del Podestà auf dem Rathausplatz mit seinem
44 m hohen Turm.
In der näheren Umgebung von Viterbo sind die Kirche
S. Maria della Quercia und die vom Vignola entworfene
Villa Lante in Bagnaia, beides kunstvolle Bauwerke der
Renaissance, sehenswert, sowie auch die römischen
Ruinen von Ferento und die etruskischen Felsengräber
von Castel d’Asso.
Bedeutend ist Viterbo auch wegen seiner Mineralwasserquellen
im umliegenden Gebiet. Schon in der Antike war die Gegend
berühmt wegen seiner heilsamen schwefelhaltigen Gewässer
und viele Ruinen der etruskischen und römischen Thermen
sieht man hier verstreut liegen. Die heutigen Thermen
werden mit dem Wasser der 52 ° C heißen Bulicame-Quelle
betrieben und sind eine gut besuchte moderne Kuranlage
mit Hotels und verschiedenen thermalen Einrichtungen.
Besuch der Altstadt:
Ein Besuch des historischen Stadtkerns von Viterbo sollte
auf dem Rathausplatz (Piazza del Plebiscito) beginnen,
unweit des großen Parkplatzes der Piazza Sacrario.
Von hier aus erreicht man das Rathaus über die in
den 30er Jahren erbaute Straße Via Filippo Ascenzi,
wo der Blick auf das große Postgebäude (Cesare
Bazzani 1935) und die Rückseite der Kirche S. Maria
della Salute (14. Jh.) mit ihrem wunderschönen Eingangsportal
fällt. Der von dem hohen Stadtturm mit der Uhr beherrschte
Rathausplatz mit den zwei Löwen aus Nenfro-Gestein
an seinen gegenüberliegenden Ecken ist das Zentrum
der Stadt. Er wird an drei Seiten von großen Gebäudefassaden
begrenzt, die in vergangenen Jahrhunderten Sitz der Prioren,
des Stadtvogts und des Stadthauptmanns waren. Einen Besuch
wert ist der Palazzo dei Priori, Sitz der heutigen Stadtverwaltung,
der zwischen dem 13. und 17. Jh. realisiert wurde, mit
seinem schönen Säulengang aus dem 13. Jh. und
dem Hauptgeschoss (Prunksaal und Ratssaal) aus dem 16.
Jh., das ganz mit Fresken mit mythischen Darstellungen
über die Herkunft Viterbos geschmückt ist. Im
Garten des Gebäudes steht ein eleganter Brunnen aus
dem 17. Jh., der von Filippo Caparozzi erbaut wurde. Auf
der vierten Seite des Platzes befinden sich die Kirche
S. Angelo in Spatha und die in den Platz mündende
Via Cavour, die seit 1573 besteht und den Palazzo delle
Carceri praktisch in zwei Teile schneidet
Vom Rathausplatz geht es weiter durch Via San Lorenzo
zum ältesten Teil der Stadt. Nach wenigen Metern
sieht man rechts Via Chigi mit ihrem gleichnamigen Palazzo
aus dem 15. Jh. und einige Schritte weiter eröffnet
sich dem Besucher der Platz Piazza del Gesù, der
das ursprüngliche Zentrum des städtischen Lebens
war. Hier sind die Überreste des alten Rathauses
aus dem 11. Jh. zu sehen, die in den Bau eines späteren
Gebäudes integriert wurden, ferner ein Turm aus dem
12. Jh. (Torre del Borgognone), ein Brunnen (Fontana del
Gesù, 1923) mit Überresten aus der Renaissance
und die romanische Kirche San Silvestro aus dem 11. Jh.,
bekannt für ein Ereignis, das Dante in seiner Göttlichen
Komödie erwähnt: die Ermordung Heinrichs von
Cornwall am 13. März 1271.
Die Via San Lorenzo, auf der wir die geschichtliche Entwicklung
des mittelalterlichen Viterbos rückwärts verfolgen,
führt uns weiter zu einem mit Bäumen gesäumten
Platz, Piazza della Morte, mit dem gleichnamigen spindelförmigen
Brunnen aus dem 13. Jh., wahrscheinlich der älteste
der Stadt. Vom Platz aus blickt man auf die Loggia des
Hl. Thomas (13. Jh.) und auf die Kirche S. Giacinta Maresciotti,
wo die Überreste der Heiligen aus Vignanello, die
von 1585-1640 gelebt hatte, verehrt werden, mit dem Kloster
S. Bernardino. Von hier kommt man über eine Brücke
(Ponte del Duomo) mit etruskisch-römischen Fundamenten,
vorbei am Palazzo del Drago auf der linken und Palazzo
Farnese auf der rechten Seite (beide aus dem 15. Jh.)zum
Domplatz. Hier endlich befinden wir uns auf dem Domhügel
(Colle del Duomo), dem ältesten Teil Viterbos, dem
langobardischen Castrum Viterbii.